Hilfe in akuten psychischen Krisen

Erstes aufsuchendes medizinisches Behandlungsangebot in Hamburg und Umland für erwachsene Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung leiden weit überdurchschnittlich häufig unter psychischen Störungen. Sie werden jedoch oft nicht rechtzeitig und ausreichend medizinisch behandelt. Die Folge: Ihre seelische Gesundheit ist beeinträchtigt, ihr Recht auf soziale Teilhabe und Selbstbestimmung eingeschränkt.

Das soll sich in Hamburg ändern: Die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf und die Verbände der gesetzlichen Krankenkassen in Hamburg haben eine Vereinbarung geschlossen, nach der künftig Menschen mit Behinderung in einer psychischen Krise kurzfristig zuhause behandelt werden können. Auch die Sozialbehörde war an der Entwicklung des Konzeptes beteiligt. Vertreter*innen der Eingliederungshilfe haben die Entwicklung des neuen Versorgungsangebots ebenfalls unter-stützt.

Die „Aufsuchende psychiatrisch-psychotherapeutische Akutversorgung (APPA)“ ist eine gezielte Krisenintervention in der gewohnten Umgebung der Patient*innen. Zum multiprofessionellen Krisenteam gehören Fachärzt*innen für Psychiatrie, psychologische Psychotherapeut*innen, spezialisierte Pflegekräfte und Intensivpädagog*innen. Zunächst erhalten die Patient*innen eine situationsangepasste Diagnostik. Auf dieser Grundlage wird die weitere bedarfsgerechte Behandlung geplant.

Ulrich Scheibel, Medizin-Vorstand der Evangelischen Stiftung Alsterdorf: „APPA ist ein Meilenstein in der Versorgung von Menschen mit Behinderung und psychischen Störungen. Ein Krankenhausaufenthalt in einer Psychiatrie, bei dieser Patientengruppe häufig in der Form einer geschlossenen Unterbringung, ist für diese Patient*innen mit zusätzlichem Stress verbunden, weil sie sich in der ungewohnten Umgebung ohne die vertraute Unterstützung im Alltag unsicher fühlen. Das können wir mit dem neuen, innovativen Versorgungsangebot vermeiden. Sie bekommen schneller Hilfe und werden individuell und passgenau in der Krise behandelt.“

Dr. Melanie Leonhard, Sozialsenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg: „Bei einer Krise wird Patientinnen und Patienten mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen geholfen. Sie erhalten ein auf den individuellen Bedarf zugeschnittenes Angebot in ihrer vertrauten Umgebung, in enger Zusammenarbeit mit den Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld. Damit wird die häusliche psychiatrische und psychotherapeutische Akutbehandlung in Hamburg verbessert.“

Dr. Susanne Klein, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Hamburg, und Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg, im Namen der gesetzlichen Krankenkassen in Hamburg: „Dieser Vertrag schließt eine Versorgungslücke, indem er Betroffene auffängt, bevor eine Krankenhausaufnahme notwendig wird. Von der frühzeitigen Behandlung profitieren aber nicht nur die Patientinnen und Patienten. Auch die stationären Einrichtungen werden entlastet.“

Wann geht es los? An wen kann man sich wenden?

Zurzeit ist das APPA-Team im Aufbau. Der Start des Angebots ist für den Herbst/Winter 2022 geplant. Menschen mit Behinderung in akuten psychischen Krisen können sich an die Psychiatrische Institutsambulanz am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf wenden, Tel. 040 – 5077 3857.


Hintergrund

Obwohl Menschen mit geistiger Behinderung weit überdurchschnittlich häufig zusätzliche psychische Störungen aufweisen, sei die Versorgungssituation dennoch „in erheblichem Maße unzulänglich“, heißt es in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Thema.

Zur Verbesserung der Situation werden u.a. mehr ambulante Versorgungsangebote gefördert, ein multiprofessioneller Zugang, zielgruppenspezifische Kommunikation und die Einbeziehung des Unterstützungssystems, z.B. persönliche Assistent*innen oder Familienangehörige.


Kooperationspartner

APPA ist eine Vereinbarung zur akuten Krisenintervention, die zwischen dem Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf und den Verbänden der gesetzlichen Krankenkassen in Hamburg geschlossen wurde. An der Verhandlung beteiligt waren u.a. die AOK Rheinland/Hamburg, der BKK-Landesverband NORDWEST, die Ersatzkassen (BARMER, DAK-Gesundheit, Handelskrankenkasse (hkk), HEK-Hanseatische Krankenkasse, Kaufmännische Krankenkasse (KKH) und die Techniker Krankenkasse (TK)), die IKK classic und die KNAPPSCHAFT. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an alle gesetzlich Versicherten.

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