Professionelles Dolmetschen in der Gesundheitsversorgung fördert erfolgreiche Behandlung

Gesetzesinitiative zur Regelversorgung - Bundespolitikerinnen informieren sich über Modellprojekt bei SEGEMI und Werner Otto Institut

„In der Gesundheitsversorgung ist eine gute Verständigung zwischen Ärzten, Therapeut*innen, Pflegekräften und den Patient*innen ein wesentlicher Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung. Häufig scheitert sie jedoch an der Sprachbarriere“, sagte Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz, SPD, bei ihrem Vor-Ort-Besuch in Hamburg auf Einladung des Vereins SEGEMI (Seelische Gesundheit, Migration & Flucht) und des Werner Otto Instituts (WOI), dem Sozialpädiatrischen Zentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.  Einblick in die Praxis bekamen die Gäste – unter ihnen auch Maria Anna Klein-Schmeink, stv. Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, und Linda Heitmann (Grüne) – durch eine professionelle Dolmetscherin und eine Mutter aus Afghanistan, deren Tochter sich derzeit im Werner Otto Institut in Behandlung befindet. In der anschließenden Diskussion von Behandelnden, Dolmetschenden und Gästen wurde auch Unterstützung für politische Pläne im Bundestag deutlich. Auch wer die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrscht und krank ist, soll möglichst gut behandelt werden. Nötig ist dazu eine gute Kommunikation von Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte mit ihren Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen. „Im Rahmen des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz II soll die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung von Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund aufgegriffen werden – unter anderem müssen wir Wege finden für eine reibungslose Kommunikation bei bestehenden Sprachbarrieren, um allen Menschen fachgerecht helfen zu können“, so Aydan Özoğuz. „Nicht für jedes Gespräch ist eine professionell dolmetschende Person nötig, das lässt sich vorab oft nicht sagen“, betont Maria Anna Klein-Schmeink, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion. „Immer wieder kommen bei scheinbaren Routinegesprächen sehr persönliche, konfliktreiche oder schambehaftete Themen zur Sprache. Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen, um Menschen mit Sprachbarrieren rechtzeitig zu behandeln. Eine verzögerte Behandlung hat negative Auswirkungen – nicht nur für die Patient*innen, sondern auch finanzielle Konsequenzen.“ 
Im Werner Otto Institut (WOI) erläuterten Fachleute den Gästen aus Politik und Gesundheitswesen ihre Kooperation im Rahmen eines deutschlandweit einzigartigen Modellprojekts. Nach einem Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft finanziert die Sozialbehörde seit 2017 den Einsatz professionell Dolmetschender in der Gesundheitsversorgung. 
Für wichtig hält Mike Mösko, Professor für Klinische Psychologie an der Hochschule Magdeburg und Vorsitzender des SEGEMI-Vorstands, dabei den Einsatz von Profis für das Dolmetschen. In der Praxis erlebe man oft noch Angehörige, die bei Sprachproblemen helfen, nicht selten Kinder.  „Der Einsatz von Kindern als Dolmetscher*innen ist nicht nur gesundheitsgefährdend für die Kinder, sondern birgt auch Gefahren völlig verzerrter Übersetzungen.“ Deshalb begrüße er die Gesetzesinitiative. Darüber hinaus seien auch gezielte Fortbildungen für Ärzt*innen und Dolmetscher*innen sinnvoll.  Die enge Zusammenarbeit von SEGEMI und dem Werner Otto Institut und die guten Behandlungsergebnisse unterstreichen nach Ansicht der Partner den Wert und die Notwendigkeit einer Infrastruktur und Kostenübernahme für dolmetschgestützte Behandlungen. „Wir haben es immer mit sehr komplexen Erkrankungen und Störungen zu tun, zum Beispiel genetischen Defekten, die das Leben eines Kindes und der ganzen Familie beeinflussen werden. Diese Informationen zu vermitteln ist keine Sache für eine Übersetzungs-App. Dafür braucht es Menschen, die die oft hochsensiblen Inhalte verstehen und angemessen vermitteln können“, sagt Dr. Joachim Riedel, Ärztlicher Leiter des Werner Otto Instituts. „Ohne die wertvolle Unterstützung der Dolmetscher*innen vor Ort könnten wir viele Patient*innen gar nicht versorgen. Gerade in langfristigen Therapien ist es von zentraler Bedeutung, dass Patient*innen verstehen, was geschieht, und wie sie selbst mitwirken können, damit die Behandlung erfolgreich ist. SEGEMI ist deshalb ein Angebot, das wir immer wieder mit großem Gewinn für die betroffenen Familien nutzen.“ 

Hintergrund: 
Im SEGEMI Dolmetschpool ermöglichen derzeit 87 Dolmetschende in 47 Sprachen den Behandelnden eine professionelle und wirkungsvolle Kommunikation mit Patient*innen und Patienten aller Altersgruppen. Derzeit sind mehr als 100 ambulante ärztliche und psychotherapeutische Praxen in Hamburg an dem Pool angeschlossen, der allein im vergangenen Jahr mehr als 6.000 Einsätze koordiniert. 97% aller Dolmetscheinsätze finden auf Wunsch der Behandler*innen vor Ort in den Praxen statt. Das WOI gehört seit Gründung des SEGEMI Dolmetschpools zu den engagiertesten Nutzern. Die Hamburger Sozialbehörde finanziert das bundesweit einzigartige Modellprojekt.
Das Werner Otto Institut, das zur Evangelischen Stiftung Alsterdorf gehört, ist eines bedeutendsten Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) Deutschlands. Ein interdisziplinäres Team behandelt Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahre mit Entwicklungsstörungen und Behinderungen aller Arten und Schweregrade. Die anspruchsvolle medizinische und therapeutische Versorgung dieser besonders bedürftigen Kinder wird zu einer noch größeren Herausforderung, wenn sie und/oder die Eltern nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Foto: u.a. 1. Reihe von rechts: Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz, Maria Anna Klein-Schmeink, stv. Fraktionsvorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion; Linda Heitmann (Grüne); SEGEMI-Vorstand Prof. Mike Mösko (hintere Reihe 1.v. rechts); ESA-Medizinvorstand Ulrich Scheibel (neben Prof. Mösko); Ärztlicher Leiter des Werner Otto Instituts, Dr. Joachim Riedel (ganz rechts). 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert